OFFENER BRIEF DER AUTORiNNEN EUROPAS

 OFFENER BRIEF DER AUTORiNNEN EUROPAS AN DIE EUROPÄISCHEN BEHÖRDEN (22. Oktober 2015)   

 

Schützen Sie das Urheberrecht, das Recht der Autorinnen und Autoren!    

 

Um es mit aller Klarheit zu sagen: Wir Autorinnen und Autoren verstehen nicht, warum die Europäische Union auf eine „Reform“ des Urheberrechts in Europa drängt.

Die Europäische Kommission verfehlt ihr Ziel, wenn sie dem Urheberrecht den Kampf ansagt, um das Entstehen eines „digitalen Binnenmarktes“ zu befördern – ist doch das Urheberrecht die unabdingbare Voraussetzung dafür, dass literarische Werke geschaffen werden können. Es zu untergraben bedeutet, den digitalen Buchmarkt noch vor seiner Entfaltung im Ansatz zu ersticken. Und die Aushöhlung des Urheberrechts bedeutet eine Verarmung der Literatur.  

Das Urheberrecht ist kein Hindernis für die Verbreitung literarischer Werke. Indem wir unsere Rechte einräumen, ermöglichen wir, dass unsere Werke in andere Sprachen übersetzt und in allen Ländern verbreitet werden. Die eigentlichen Hindernisse für deren Verbreitung sind ökonomischer, technologischer und fiskalischer Natur. Daher sollte sich eine Reform vielmehr gegen Monopole, proprietäre Formate und Steuerbetrug richten.  

Mit seinem Ja zu einer weitgehend überarbeiteten Fassung des Reda-Reports hat sich das Europäische Parlament klar und deutlich zur Wahrung des Urheberrechts und zum Schutz der Kreativwirtschaft bekannt, die sich in einer zunehmend prekären Lage befindet. Leider hat das Parlament zugleich aber unbedachterweise die Tür für eine ganze Reihe von Ausnahmen zum Urheberrecht geöffnet, die von der Kommission geschaffen, erweitert, standardisiert und zwingend vorgeschrieben werden könnten – und dies teils ungeachtet nationaler Lösungen, die den Bedürfnissen der LeserInnen und sonstigen NutzerInnen bereits entsprechen.  

Inwiefern sollen überbordende Ausnahmen vom Urheberrecht dem schriftstellerischen Schaffen zuträglich sein? Und ab wie vielen Ausnahmen (für Archive, für den digitalen Verleih, für Forschung und Lehre, für Text‑ und Datamining, für transformative Nutzungen, für vergriffene und verwaiste Werke …) wird die Ausnahme zur Regel – und das Urheberrecht zur Ausnahme?  

Das Urheberrecht ist für uns von essenzieller Bedeutung, weil es uns finanzielle Ansprüche und ideelle Rechte an unseren Werken sichert.  

Das Urheberrecht ist das Fundament, auf dem die europäische Literatur aufgebaut ist, und zugleich eine Quelle des wirtschaftlichen Wohlstands unserer Länder und ein Motor für die Schaffung von Arbeitsplätzen; es sichert die Finanzierung kreativen Schaffens und den unbeschadeten Fortbestand der Buchkette; es ist die Grundlage der Vergütung von uns Autorinnen und Autoren. Indem es uns gestattet, die Früchte unserer Arbeit zu ernten, garantiert es uns Freiheit und Unabhängigkeit. Wir wünschen weder die Zeit des Mäzenatentums zurück noch möchten wir von möglicherweise fließenden öffentlichen Subventionen abhängig sein – wir wollen schlicht und einfach von der Verwertung unserer Werke leben. Schreiben und Übersetzen ist ein Beruf, kein Freizeitvergnügen.  

Im Laufe der letzten Jahrhunderte hat das Urheberrecht die Demokratisierung des Buches ermöglicht, ebenso wie es in Zukunft die Entwicklung von digital geschaffenen kreativen Werken und deren umfassender Verbreitung ermöglichen wird. Das Urheberrecht ist zugleich ein Erbe der Vergangenheit und ein sehr modernes Werkzeug, das hervorragend mit dem Einsatz der neuen Technologien vereinbar ist.  

Was unbedingt aufhören muss, ist das Ausspielen der schreibenden Zunft gegen die Leserschaft. Ohne erstere gäbe es keine Literatur, und ohne letztere hätte sie keinerlei Sinn. Autorinnen und Autoren sind jederzeit und prinzipiell offen für die Veränderungen und Entwicklungen der Welt, in der sie leben. Sie verteidigen die Meinungsfreiheit und die künstlerische Gestaltungsfreiheit klarer und deutlicher als irgendwer sonst. Und sie treten dafür ein, dass die Menschen ihre Gedanken und ihr Wissen miteinander teilen, das ist ihre raison d’être. Bevor sie schreiben können, sind sie natürlich Leser.  

Wir, die Schriftsteller Europas, fordern die europäischen Institutionen auf, von ihren Plänen Abstand zu nehmen, die Ausnahmen vom Urheberrecht weiter auszudehnen oder neue solche Ausnahmen zu schaffen. Die Aussicht auf irgendwelche „Vergütungen“ ist kein Ersatz für das Einkommen, das wir aus einer kommerziellen Verwertung unserer Werke erwirtschaften könnten, wobei die Literaturschaffenden schon jetzt in zunehmendem Maße von materieller Prekarität bedroht sind. Wir verlangen von Europa, sich der Versuchung einer – ohnehin illusorischen – „Gratiskultur“ entgegenzustellen, deren einzige Nutznießer ja die großen Vermarktungsplattformen und andere Content-Provider wären. Wir fordern die europäischen Institutionen auf, uns dabei zu helfen, einen gerechteren Anteil an den Einnahmen aus Büchern, vor allem im digitalen Bereich, zu erzielen, für uns nachteilige Vertragsklauseln zu untersagen und unsere Werke wirksam vor Piraterie zu schützen.    

Die Freiheit der Kunst und die Vitalität der europäischen Kultur liegen auch in Ihrer Hand!

 

(Übersetzung: Richard Gross, Nathalie Rouanet-Herlt, Werner Richter)

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