Zur Ausbildung von Theaterlehrern in Deutschland

Resolution

 

„Eine desolate Lage“ – Zur Ausbildung von Theaterlehrern in Deutschland

Dem Bericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages 2008 entnehmend, wird zur „Schulischen kulturellen Bildung“ folgende Handlungsempfehlung genannt: „[Die] Fächer der kulturellen Bildung wie Kunst, Musik, Tanz und Darstellendes Spiel [sind von den Ländern] zu stärken und qualitativ auszuweiten. Dafür ist zunächst sicherzustellen, dass der vorgesehene Unterricht durch qualifizierte Lehrkräfte tatsächlich erteilt wird.“ [1]

Diese Empfehlung ist als konkreter Arbeitsauftrag zu verstehen, der, gemeinsam mit dem BV·TS, den Landesverbänden und sämtlichen Lehrenden für das Fach Theater, dringend umgesetzt werden muss.

Im Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden des BV·TS, Dieter Linck, am 19.11.2010 an der HBK Braunschweig verdeutlichte sich dieser Handlungsbedarf in Bezug auf die Situation des Schulfaches „Theater“ deutschlandweit. Es fehlt an Qualität nicht nur in mancher Aufführungspraxis, sondern vor allem in der Ausbildungssituation. Von einer Gleichstellung mit den anderen künstlerischen Fächern ist das Darstellende Spiel in der Lehrerausbildung weit entfernt. Das Fach ist mit Ausnahme weniger Bundesländer in den Stundentafeln und im Alltag vieler Schulen nicht hinreichend verankert. Insgesamt sprechen wir, die Studierenden und Lehrenden des Studiengangs Darstellendes Spiel in Übereinstimmung mit Dieter Linck, von einer „desolaten Lage“.

Uneingeschränkt teilen wir die Forderung des BV·TS, jedem Schüler, jeder Schülerin in jeder Schulform und in jeder Schulstufe die Möglichkeit zu geben, mindestens ein Jahr im Fach „Theater“ künstlerisch aktiv  zu sein.

Das Studium an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und an der Leibniz Universität Hannover im Verbund mit der Hochschule für Musik und Theater Hannover, der Universität Hildesheim und der technischen Universität Braunschweig bietet den Studierenden durch seine grundständige, fünfjährige Studienstruktur vielfältige Möglichkeiten für die künstlerische und kunstvermittelnde Arbeit. Die besondere Qualität ist die enge Verzahnung von künstlerischer Praxis, Theorie und Pädagogik. Diese inhaltliche Ausrichtung ist in den Erweiterungsstudiengängen ebenfalls gegeben, deren Potential sich durch einen Ausbau zu grundständigen Studiengängen mit entsprechend längerer Studienzeit tief greifender und umfassender nutzen ließe.

In den nächsten Jahren wird eine kontinuierlich ansteigende Zahl von grundständig ausgebildeten Absolventen den Lehrberuf im Fach Theater ausüben wollen. Es besteht ein großes Interesse, ja sogar die Notwendigkeit, außerhalb Niedersachsens in die Schulen zu gehen und gemeinsam mit den dortigen Kollegen dieses so wichtige Fach wirklich flächendeckend, das heißt an jeder Schule, als ein qualitativ hochwertiges weiter aufzubauen und durchzusetzen. Dafür sind selbstverständlich in jedem Bundesland Studienseminare notwendig.

Der Bedarf an qualifizierten Lehrkräften ist ohne Zweifel deutschlandweit vorhanden, aber rechtliche Hindernisse, wie die Lehrerprüfungsordnung, machen eine gleichberechtigte Anstellung außerhalb Niedersachsens unmöglich. Doch auch in Niedersachsen ergeben sich bezüglich der Berufschancen erhebliche Hindernisse: Dadurch, dass Lehrer mit zwei Fächern und einer Zusatzqualifikation „Darstellendes Spiel“  von den meisten Schulleitern bevorzugt eingestellt werden, verschärft sich die Situation für diejenigen, die das Fach grundständig studiert haben.

Es wäre keinesfalls denkbar, die Lehrbefähigung für Musik, Kunst oder Physik in einem Weiterbildungsseminar zu erlangen. Ebenso verhält es sich mit Darstellendem Spiel / Theater. Das Fach Theater braucht überall in Deutschland eine grundständige universitäre Ausbildung. Denn nur  so besteht die Möglichkeit, durch intensives künstlerisches Experimentieren  mit allen Kunst- und Theaterformen in einem mehrjährigen Prozess theaterpädagogische Positionierungen und ein eigenes künstlerisch-pädagogisches Selbstkonzept zu entwickeln. Der aus einer solchen Ausbildung erwachsende Unterricht stellt wiederum die Voraussetzung dafür, dass das Fach die Anerkennung gewinnt, die seiner möglichen Bedeutung im Schulalltag entspricht.

Aus dieser Bestandsaufnahme ergeben sich folgende politischen Forderungen:

  1) Der Aus- und Aufbau grundständiger Studiengänge muss in den folgenden Jahren forciert werden, da eine durchgängig greifende Qualitätsschaffung und -sicherung nur durch grundständig ausgebildete Lehrer gelingen kann.

  2) Der momentanen Situation, dass ein so wichtiges Fach, dem ein hohes Potenzial  auch  bezüglich der Umgestaltung der Institution Schule zu zuschreiben ist, von Seiten der Politik und Kultusministerien nicht die Anerkennung und entsprechende Unterstützung beim Aufbau der Ausbildung bekommt, gilt es entgegen zu wirken.

  3) Erweiterungs- und Weiterbildungsstudiengänge sollten zu grundständigen ausgebaut werden. Insbesondere verkürzte Schmalspurausbildungen, die Darstellendes Spiel als Methodentraining erscheinen lassen, sind unhaltbar und müssen unmittelbar auslaufen. Theater in der Schule kann sich nur so als ein künstlerisches Fach behaupten, gleichwertig mit Kunst und Musik.

  4) Die Lehrerprüfungsordnungen in den einzelnen Ländern müssen überprüft und ggf. geändert werden, um die Zweifächerkombination „Darstellendes Spiel  / Theater“ + zweites Fach zu gewährleisten. Die ministerielle Anerkennung des Faches in allen Bundesländern muss weiter vorangetrieben werden. Es geht in jeder Hinsicht darum, Darstellendes Spiel / Theater deutschlandweit als ein „vollwertiges Fach“ zu etablieren.

  5) Die Einrichtung von Studienseminaren sollte oberste Priorität besitzen. Was in Niedersachsen funktioniert, sollte auch andern Orts möglich sein.

  6) Der Austausch und die Kooperation zwischen den Studiengängen sollten vorangetrieben werden und zu einer Transparenz bezüglich der jeweiligen Spezifika in der Ausbildung führen. Studierende und Lehrende des Studiengangs DS / Theater in Niedersachsen erklären sich bereit, am Aufbau weiterer grundständiger Studiengänge mitzuwirken und ihre bereits langjährige Erfahrung in der Ausbildung von Theaterlehrern einzubringen. 

 

Es gilt letztendlich, gemeinsam der „desolaten Lage“ in der Ausbildung- und Schulpraxis mit Konsequenz entgegenzuwirken. Und mehr noch: Es geht um die Weiterentwicklung einer Schule, deren Anspruch es ist jungen Menschen Lebens-, Arbeits- und Erfahrungsräume zu eröffnen, in welchen sie entwicklungs-, zukunfts- und handlungsfähig werden. Das Schulfach „Theater / Darstellendes Spiel“ nimmt darin eine besondere Position ein, weil es wie kein zweites Fach wesentliche Gestaltungsimpulse vereint.

Diese Resolution wurde von Angehörigen des grundständigen Studiengangs Darstellendes Spiel verfasst (HBK Braunschweig und der Leibniz Universität Hannover im Verbund mit der Hochschule für Musik und Theater Hannover, der Universität Hildesheim und der Technischen Universität Braunschweig).  

 

Einladung zur Arbeitstagung

 

Unter Anbetracht der höchst dringlichen Situation möchten wir zu einer zeitnahen Tagung zur Ausbildungssituation an die HBK Braunschweig einladen, um erwähnte Probleme zu diskutieren und gemeinsam weitere konkrete Lösungsvorschläge zu entwickeln und durchzuführen, um letztendlich gemeinsam der „desolaten Lage“ mit Konsequenz entgegenzuwirken. 


[1] Schneider, Wolfgang: „Theater und Schule – ein (Vor- ) Wort zur kulturellen Bildung“. In: Ebd. (Hg.): „Theater und Schule - ein Handbuch zur kulturellen Bildung“ transcript Verlag, Bielefeld 2009, Seite 9-10.


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